Das Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation – Die Reichskirche in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts (A. 2. b)

Die Anhänglichkeit der kleineren Stände an das Reich, war bei den geistlichen Fürstentümern, der sogenannten Reichskirche, überlebensnotwendig und daher besonders ausgeprägt. Das Wort Reichskirche ist ein Terminus technicus für die Gesamtheit der geistlichen Fürstentümer. Es handelt sich um die, von Otto dem Großen im 10. Jahrhundert geschaffenen Einrichtung, wonach die Bischöfe zugleich Fürsten mit eigenem Territorium waren. Diese Reichskirche war eng mit dem Reich verbunden. Kaiser Otto hatte sie erfunden um von dynastischen Rangeleien freie Fürsten zu haben, die ein Gegengewicht zu den primär an Familienpolitik interessierten Stammesherzögen bilden sollten. Aber es stellte sich schnell heraus, dass auch die Geistlichen nicht streng loyal waren. Sie trieben Territoialpolitik wie ein weltlicher Fürst und versuchten ihre Gebiete zu vergrößern. Auch dynastische Politik spielte bei ihnen eine Rolle, da sie nur den führenden Adelsfamilien entstammten und so zwar nicht für die eigenen Söhne, wohl aber für die eigene Familie wirtschafteten. Allerdings waren sie aus der Verfassung des Reiches nicht mehr wegzudenken. Sie hatten die Mehrheit der Sitze im Reichstag inne und stellten drei Kurfürsten. Der Bischof von Mainz, einer der Kurfürsten, übte das wichtigste Amt, das des Reichskanzlers aus. Continue reading

Das Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation – Das Reich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts (A. 2. a)

Am 30.Dezember 1797, am Tage des Übergangs von Mainz, nachmittags um 3 Uhr, starb zu Regensburg in dem blühenden Alter von 955 Jahren, 5 Monaten, 28 Tagen sanft und selig an einer gänzlichen Entkräftung und hinzugekommenen Schlagflusse, bei völligem Bewusstsein und mit allen heiligen Sakramenten versehen, das heilige Römische Reich, schwerfälligen Angedenkens.— Joseph von Görres 18.01.1798

Das Heilige Römische Reich deutscher Nation galt als Inbegriff des christlichen Europa. Verwurzelt im Reich Konstantins, begründet durch Karl den Großen, umkämpft, bedroht, verkleinert, verschoben, aber seit 1100 Jahren ein Faktum, dass sich politisch und ideell nicht wegdenken ließ. Continue reading

Randnotiz der Geschichte

Wenn wir das erlangen, dass allein Gott aus der reinen Gnade durch Christus rechtfertigt, dann wollen wir den Papst nicht nur auf den Händen tragen, sondern ihm auch die Füße küssen.
- Luther im Galaterkommentar, WA 40, I, 177.357.358

Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.
- “Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre” zwischen Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche vom 31.10.1999

Kirchengeschichte im 19. Jahrhundert – Der Verlauf der Französischen Revolution (A.1.b.)

Betrachtet man die ganze, mehrschichtige Palette von Stimmungen und Bestrebungen in Bürgerschaft und Klerus, so wird deutlich, dass Revolution und katholische Kirche im Jahr 1789 nicht unbedingt Gegensätze sein mussten. Die Bürgerschaft wollte eine Teilhabe am politischen Geschehen, der seiner zahlenmäßigen Größe und seinen Fähigkeiten entsprach. Der größte Teil der Pfarrerschaft wollte das ebenfalls. Und auch wenn viele Bischöfe dagegen protestieren, schlossen sich dennoch einige Bischöfe den Forderungen an und stellten sich auf die Seite der Revolution. Weiter wollte die Bürgerschaft das feudale Abgabensystem abschaffen, was wieder auf die Zustimmung der Pfarrer stieß. Als die Nationalversammlung die Kirche enteignete und beschloss, der Staat werde zukünftig die Ausgaben für Pfarrer und Gottesdienst, sowie für die bislang von der Kirche geleitete Armenpflege übernehmen, war es dann auch das Votum eines Bischof, das die entscheidende Rolle spielte, dass das Gesetz durch kam (Quelle 51c in: Greschat (Hg.), “Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen”, Bd.4, 1997). Auch bei der Ausarbeitung der Menschenrechtserklärung, die die Grundlage der geplanten konstitutionellen Monarchie bildete, führte ein Bischof den Vorsitz. Continue reading

Kirchengeschichte im 19. Jahrhundert – Der Hintergrund der Französischen Revolution (A.1.a.)

Zu Beginn schlossen Revolution und Kirche einander nicht von vornherein aus. Die Kirche stand zunächst nicht in Opposition zur im Juni 1789 beginnenden Französischen Revolution. Als die Vertreter des 3. Standes, also der Bürger, erklärten, dass sie die Repräsentanten des ganzen Volkes seien und somit befugt, dem Staat eine neue Verfassung zu geben, da schlossen sich die Vertreter der Kirche an. Auch als die Besitzverhältnisse neu geordnet wurden, stimmten die Vertreter der Kirchen selbst für die Abschaffung des Zehnten und des sie begünstigenden Feudalwesens. An der Ausarbeitung der Grundrechte der neuen Verfassung waren Kleriker federführend beteiligt. Continue reading